Frauen sind die besseren Digitalisierer

Frauen sind die besseren Digitalisierer
20
Jul

So schreibt der Zukunftsforscher Dr. Daniel Dettling – ohne zu gendern. Das klingt provokant. Aber bildet es auch die Realität in den Klassenzimmern ab?

Was schätzen Sie: Wer besucht den #excitingedu-Kongress und wer liest dieses Magazin? Wie viele Lehrerinnen und wie viele Lehrer sind darunter? Die Netzwerktreffen der IT-Beauftragten und Zuständigen für die Netzwerkadministration in den Schulen zeichnen da ein deutliches Bild: Die Mehrheit sind männliche Kollegen. Dabei sind in Deutschland 73 Prozent der Lehrkräfte weiblich, in der Grundschule sogar mehr als 90 Prozent. Was bedeutet diese Diskrepanz? Ist der Satz »Frauen können keine Technik« nicht eigentlich schon lange überwunden? Und warum sind dann trotz des enormen Fachkräftemangels nur 17 Prozent der Informatik-Studierenden weiblich?

Gib es genderbezogene Unterschiede in der Digitalisierung?

Die Einstellung von Lehrkräften beeinflusst Lernende. Das geschieht durch die Auswahl von Inhalten, aber auch durch das Verhalten, welche Leistungen erwartet werden. Das zeigt nicht nur die Hattie-Studie. Ist dann die Einstellung zur Digitalisierung nicht von entscheidender Bedeutung für zukünftige Generationen? Wie einflussreich sind die bestehenden oder fehlenden Bemühungen der Lehrkraft auf dem Weg in eine Kultur der Digitalität? Leider untersuchen die aktuellen Studien hier nicht die unterschiedlichen Zugriffsweisen von männlichen und weiblichen Lehrkräften. Dabei legt die Digital-Gender-Gap-Studie von 2020 nahe, dass es genderbezogene Unterschiede gibt: Frauen sind statistisch betrachtet schlechter ausgestattet, nutzen digitale Angebote tendenziell weniger, haben vor allem in höheren Altersstufen geringere digitale Kompetenzen und neigen zusätzlich dazu, diese zu unterschätzen und sich weniger zuzutrauen. Außerdem sind sie neuen digitalen Entwicklungen gegenüber weniger offen eingestellt als Männer.

Sind Frauen also diejenigen, die die Digitalisierung bremsen?

Diese Sichtweise drängt sich auf den ersten Blick vielleicht auf. Denn wenn nun Frauen sich mehr zutrauen würden, mehr digitale Kompetenzen erwerben würden, wäre das Problem gelöst, nicht wahr? Der defizitäre Blick ist allerdings erstens nicht hilfreich und greift außerdem zu kurz, da Frauen Betroffene hemmender Rollenklischees sind, aber nicht ursächlich deren Urheberinnen. Das bedeutet, die hemmenden gesellschaftlichen Vorstellungen werden häufig unbemerkt tradiert und stellen eine Hürde dar, zu deren Bewältigung es eine gemeinsame Anstrengung braucht. So wie Inklusion nicht eine alleinige Aufgabe von Menschen mit Behinderung sein kann und Rassismus nicht von People of Colour gelöst wird, müssen auch Gender Rollenklischees gesellschaftlich gemeinsam gedacht und überwunden werden. Der Gleichstellungbericht 2021 fordert daher auch, statt in Kategorien wie »fix the women« beispielsweise eher an »fix the organisation« zu denken.

Wie könnte Frauen stärker eine aktive Rolle in der Digitalisierung übernehmen?

Die Digital-Gender-Gap-Studie liefert hierzu Empfehlungen. Es gelten für Frauen und Mädchen ganz ähnliche Kriterien, um in Mathe, Naturwissenschaften, Informatik und Technik erfolgreich zu sein. Hier sind einige Handlungsempfehlungen, die Sie – je nach Arbeitsfeld – im Unterricht, als Schulleitung oder als externe Anbietende adaptieren können:

1. Mädchen und Frauen lernen besonders gut von positiven Vorbildern. Sie sollten also um die Strahlkraft weiblicher Rollenmodelle wissen, Programmiererinnen wie Ada Lovelace behandeln, erfolgreiche Mathematikerinnen porträtieren und Entwicklerinnen einladen sowie Astronautinnen, Physikerinnen und Gründerinnen thematisieren.

2. Gegen negative Selbstkonzepte wie »Das kann ich nicht« helfen Mentorinnen und Tandems mit Kolleginnen, die bereits digital kompetenter sind. Auch hier lernen Mädchen erfolgreich mit anderen Mädchen und Frauen gerne mit Frauen, bis ein Basiswissen erworben wurde. Idealerweise wird dabei aber »Nerd«-Sprache vermieden und ein niedrig schwelliger Einstieg unterstützt.

3. Frauen und Mädchen schätzen besonders, wenn digitale Anwendungen in Sinn- und Kontextbezügen angewendet werden, wie etwa mit der SenseBox Umweltdaten zu erheben und zu diskutieren.

4. Frauen wünschen ein gut gestaltetes Design und legen mehr Wert auf intuitive Handhabbarkeit, die in den von den Bundesländern präferierten Lernmanagementsystemen so häufig nicht gegeben ist. Anbietende sollten Lehrerinnen (und Schülerinnen) als Userinnen in ihre Entwicklungsprozesse einbeziehen und dabei Anfängerinnen mitdenken.

5. Schulleitungen sollten eine positive Könnenserwartung an Lehrkräfte mitbringen. Dazu gehört, das Voneinanderlernen zu bestärken, vielfältige Zugänge und Gelegenheiten zu schaffen, die auch die Situation der Teilzeit-Lehrerinnen berücksichtigt. Das gelingt beispielsweise häufig in asynchronen Angeboten wie Fortbildungen, da dies mit der Care-Arbeit vieler Mütter besser zu vereinbaren ist.

6. Ebenso zählen dazu Mindeststandards, welche digitalen Anwendungen als verbindlicher Bestandteil angesehen werden. Etwas nicht zu können, darf nicht zu Vermeidenshaltungen führen, da dies den Schüler*innen nicht besonders dienlich ist. Das Mindset der Schule sollte also von Leitungsseite das lebenslange Lernen der Lehrenden voraussetzen.

7. Gemischte Teams, also Lehrer und Lehrerinnen gemeinsam, können die Digitalisierung besser vorantreiben, weil sie die unterschiedlichen Perspektiven besser berücksichtigen können. Dabei sollten Widerstände und der eher männliche Zugang, digitale Neuerungen spielerisch zu erproben, ebenso aufgegriffen werden wie der eher weibliche Zugang, den Nutzen pragmatisch abzuwägen. Auf dem Weg in eine Kultur der Digitalität sind dies zumindest sehr wesentliche Kompetenzen. Machen wir uns also gemeinsam auf den Weg, damit die Lernenden von heute digital mündig werden können!

Ein Beitrag von Kati Ahl

Literatur- und Linktipps

Kati Ahl: Frauen und Digitalität – jetzt! Wie die Bildungstransformation von weiblichen Perspektiven profitiert. Klett Kallmeyer, Hannover 2022

Digital-Gender-Gap-Studie 2020

Dr. Daniel Dettling in NZZ (25.5.2020): »Corona wird unsere Arbeitswelt revolutionieren«

Gleichstellungsbericht 2021

Kati Ahl ist Fachbuchautorin, Schulentwicklungsberaterin und frühere Schulleiterin. Ihr Herz schlägt für Bildungsinnovationen, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Als Bildungsexpertin publiziert sie zu den Fragen, die Schulen bewegen.