Ein perfekt inszeniertes Video am Morgen, persönliche Lifestyle-Tipps am Nachmittag und das Gefühl, einer Freundin oder einem Freund zuzusehen: Influencerinnen und Influencer gehören zum Alltag von Kindern und Jugendlichen. Sie prägen den Alltag junger Menschen längst nicht mehr nur zur Unterhaltung. Sie bestimmen maßgeblich mit, was als wertvoll gilt, welche Produkte angesagt sind und welche Meinungen richtig sind.
Statt Star-Postern an den Kinderzimmerwänden laufen heute Dauerschleifen auf den Smartphone-Displays. Was diese neuen Vorbilder von den Promis früherer Generationen unterscheidet, ist der Eindruck, sie seien greifbar nah. Sie filmen sich ungeschminkt im Bett, teilen vermeintliche persönliche Sorgen und nehmen ihre Community mit durch ihren (geskripteten) Alltag.
Ein Beitrag von Tom Mittelbach
Influencerinnen und Influencer: Vorbilder auf Augenhöhe?
Für Jugendliche bieten diese Personen Orientierung bei der Suche nach dem eigenen Platz in der Welt. Doch die vermeintliche Echtheit ist überwiegend ein durchgeplantes hochprofessionelles Geschäftsmodell. Wenn Vorbilder rund um die Uhr Perfektion, Makellosigkeit und einen scheinbar mühelosen Lifestyle ausstrahlen, setzt dies unbewusst Maßstäbe für das eigene Leben.
In der JIM-Studie von 2025 nutzen fast die Hälfte der älteren Jugendlichen (48 % der 16- bis 19-Jährigen) Influencerinnen und Influencer gezielt als Informationsquelle¹. Damit übernehmen sie längst nicht mehr nur eine Unterhaltungsfunktion, sondern prägen massiv die Meinungsbildung und Weltanschauung junger Menschen.
Parasoziale Beziehungen: wenn Nähe echt wirkt
Mit der direkten Ansprache „Hallo ihr Lieben!“ beginnt oft Content von Influencerinnen und Influencern. Durch tägliche Einblicke in das (geskriptete) Privatleben entsteht bei Followern eine sogenannte parasoziale Beziehung. Diese einseitige Bindung kann sich für Jugendliche jedoch erstaunlich real und emotional echt anfühlen. Sie kann eine wichtige emotionale Ressource sein – erlebt als digitale Erweiterung, nicht als Ersatz für reale Freundschaften.
Die empfundene Vertrautheit schafft Grundvertrauen. Ratschläge von Influencerinnen und Influencern werden oft nicht als Werbung oder Fremdeinfluss wahrgenommen. Sie wirken wie Empfehlungen aus dem engsten Freundeskreis (Peergroup). Diese emotionale Nähe macht Heranwachsende empfänglich für die Botschaften aus dem Content, sowohl im positiven Sinne von Empowerment als auch im negativen Sinne von subtiler Beeinflussung.
Konsum, Identität und Körperbild
Im Zuge der Identitätsbildung orientieren sich Jugendliche an den Influencerinnen und Influencern und wollen dem Lebensstil ihrer Idole nacheifern. So werden bestimmte Marken, Kosmetika oder Kleidungsstücke für die Jugendlichen wichtig und vermitteln das Gefühl, up to date und dabei zu sein. Das geschieht häufig ganz unbewusst: Selten sagen Jugendliche „Ich will so sein wie …“. Wer genau hinschaut, erkennt die Beeinflussung aber sehr deutlich.
Eine Studie² untersuchte, wie Influencer und die Plattform TikTok das Essverhalten Jugendlicher beeinflussen können, bis hin zum Kauf völlig unbekannter Produkte. So erklärt sich, warum bestimmte Trends wie Bubble Tea binnen weniger Wochen zum Massenphänomen werden können.
Besonders kritisch zu sehen ist der Einfluss auf das Selbstbild und den Selbstwert Heranwachsender. Perfekt ausgeleuchtete Räume, digitale Filter und Körper ohne Makel vermitteln Standards, die in der Realität niemand halten kann. Das setzt Jugendliche unter einen permanenten Druck, den eigenen Körper und das eigene Umfeld ständig optimieren zu müssen.
Fazit: Medienkompetenz statt Verteufelung
Influencerinnen und Influencer prägen als digitale Wegbegleiter stark die Lebensrealitäten und die Entscheidungen Jugendlicher. Anstatt diese Realität pauschal zu verteufeln, gilt es, das kritische Denken der Jugendlichen, deren Medienbewusstsein, gezielt zu fördern.
Wie groß diese Wirkung sein kann, zeigt sich zum Beispiel bei Influencern wie Jonathan Schöck. Mit rund zwei Millionen Followern auf TikTok und Instagram spricht er sowohl die Chancen als auch die Schattenseiten des Berufs offen an.
Die Befähigung zur kritischen Reflexion, im Schulalltag wie im Elternhaus, ist die Grundlage. Nur so entwickeln Jugendliche eine souveräne Handlungskompetenz und erleben Social Media als Bereicherung statt als Belastung.
Medienkompetenz statt Social-Media-Verbot: 3 fertige Unterrichtstipps für den Schulalltag
Hier braucht es keine aufwendige Zusatzausbildung: Drei Ansatzpunkte helfen im Schulalltag bereits spürbar weiter.
1. Die Inventur: Wem folgst du – und warum?
Schülerinnen und Schüler listen in Kleingruppen ihre drei Lieblings-Accounts auf. Sie begründen schriftlich, ob sie diese zur Unterhaltung, als Vorbild oder als Newsquelle nutzen.
Der anschließende Klassenvergleich deckt unbewusste Nutzungsmuster auf.
2. Der Realitätscheck: Parasoziale Nähe einordnen
Die Klasse sammelt an der Tafel Merkmale echter Freundschaften wie Vertrauen und Gegenseitigkeit. Dem stellen die Jugendlichen die einseitige Dynamik einer digitalen Fan-Beziehung gegenüber. Der direkte Vergleich entlarvt die künstliche Nähe, ohne die Faszination abzuwerten.
3. Der Blick hinter die Kulissen: Das Geschäftsmodell durchschauen
Die Jugendlichen analysieren einen selbst gewählten Social-Media-Account. Sie recherchieren gezielt nach verdeckten Einnahmequellen wie Werbedeals, Produktplatzierungen und Affiliate-Links. Das schärft den Blick dafür, dass hinter dem Content ein knallhartes Business steckt.
Vor allem die erste Übung, die Inventur der eigenen Accounts, ist direkt aus den Projekttagen des Präventionsprogramms #lassbewusstmachen der IKK classic entnommen.
Lehrkräfte erhalten nach der Anmeldung am Programm für die Projekttage vollständig ausgearbeitete, praxiserprobte Materialien und interaktive Methoden. Diese sind so konzipiert, dass sie sich ohne großen Vorbereitungsaufwand flexibel in den Unterricht einbetten lassen. Bei der Umsetzung des Programms unterstützen Gesundheitsfachkräfte der IKK classic organisatorisch.
Wer sich vorab ein genaueres Bild davon machen möchte, wie das in der Praxis aussieht, kann das in unseren kostenfreien Webinaren tun: Dort geben wir Ihnen einen direkten Einblick in Methoden und Materialien vom Programm und beantworten Fragen aus dem eigenen Schulalltag.
In Kooperation mit

Die Webinare
Webinar 1 am 9. November 2026, 16:00 – 17:30
Psychische Gesundheit im digitalen Alltag Jugendlicher – Einblicke in die Projekttage #lassbewusstmachen
Referent: Tom Mittelbach
Hier zu Webinar 1 anmelden
Webinar 2 am 16. November 2026, 16:00 – 17:30
Psychische Gesundheit im schulischen Alltag gezielt fördern – Gesundheitsprävention mit #lassbewusstmachen
Referentin: Valesca Modery
Hier zu Webinar 2 anmelden
