Identitätsarbeit von Jugendlichen in sozialen Netzwerken

Identitätsarbeit von Jugendlichen in sozialen Netzwerken
31
Aug

Vernetzte Öffentlichkeiten

Kommunikation, Interaktion und Identitätsarbeit auf Netzwerkplattformen

Von Jan-Hinrik Schmidt

Digitale vernetzte Medien gehören zum Alltag von Jugendlichen. Seit einigen Jahren zeigen einschlägige repräsentative Untersuchungen wie die JIM-Studien oder die ARD/ZDF-Onlinestudien, dass vor allem Netzwerkplattformen (auch Online-Communitys oder Soziale Netzwerkdienste genannt; zu den Funktionen s. Kasten auf S. 35) zu den populärsten Onlinediensten bei den Unter-20-Jährigen gehören. Ihr Siegeszug begann in Deutschland im Jahr 2007, als sich zunächst die VZ-Netzwerke (schülerVZ und studiVZ) sowie regional verankerte Plattformen wie Lokalisten oder Wer-kenntwen rasch verbreiteten. In den Jahren 2009 und 2010 setzte sich dann das in den USA beheimatete Facebook an die Spitze. Anfang 2012 berichtete die BITKOM, dass 67 % der 14- bis 29-jährigen Internetnutzer in Deutschland aktive Nutzer von Facebook sind, das damit weit vor studiVZ (15 %) liegt.

Netzwerkplattformen und Entwicklungsaufgaben Jugendlicher

An Facebook lässt sich besonders gut verdeutlichen, dass Netzwerkplattformen nicht nur einfache Werkzeuge für den Austausch mit anderen sind (s. a. die Informationen im Kasten auf S. 35). Vielmehr lassen sie Kommunikationsräume mit einer spezifischen kommunikativen Architektur entstehen, die allerdings nicht als „Cyberspace“ oder „Virtual Reality“ getrennt vom sonstigen Alltag ihrer Nutzer existieren. Gerade für Jugendliche sind Netzwerkplattformen (im Zusammenspiel mit anderen digitalen Medien und Kommunikationsformen) ein ganz wesentlicher Raum, um zentrale Entwicklungsaufgaben des Heranwachsens zu bearbeiten: Die „Selbstauseinandersetzung“ bzw. das Identitätsmanagement, bei denen es im Kern um die Fragen „Wer bin ich?“ bzw. „Wer möchte ich sein?“ geht.

Durch ihre Selbstdarstellung auf Netzwerkplattformen drücken Jugendliche individuelle Vorlieben, Interessen, Haltungen und Geschmäcker aus, orientieren sich an den Identitätsvorgaben von Szenen oder experimentieren mit ihrer Wirkung auf andere. Damit eng verbunden ist die „Sozialauseinandersetzung“ bzw. das Beziehungsmanagement, also die Frage „Wo ist mein Platz in der Gesellschaft?“. Netzwerkplattformen sind ein wichtiger Ort, an dem soziale Beziehungen unterschiedlicher Stärke geknüpft und gepflegt werden. Hier verorten sich Jugendliche in Cliquen, Subkulturen oder Geschmacksgemeinschaften, können aber auch an Konversationen oder Diskursen über gesellschaftliche Belange teilhaben. Schließlich unterstützen Netzwerkplattformen die „Sachauseinandersetzung“ bzw. das Informationsmanagement, mithin die Beantwortung der Frage „Wie orientiere ich mich in der Welt?“. Innerhalb von Netzwerkplattformen strukturieren Funktionen wie der „News Feed“ oder der „Like Button“ den Fluss von Informationen. Durch die Verzahnung mit anderen Bereichen der digitalen vernetzten Medien entstehen zudem eigene und plattformübergreifende Formen von Öffentlichkeit (s. u.), in denen Informationen und Themen aller Art zirkulieren.

Funktionen von Netzwerkplattformen

Technisch gesehen, handelt es sich bei Netzwerkplattformen um Onlinedienste, bei denen Nutzer in einem durch Registrierung zumindest teilweise geschlossenen Raum ein Profil anlegen, in dem sie Angaben zu ihrer Person – neben Alter oder Geschlecht insbesondere auch Vorlieben, Hobbies, Erlebnisse, Fotos o. Ä. – hinterlegen können. Ausgehend von diesem Profil lassen sich dann Beziehungen zu anderen Nutzern explizit machen, indem zwei Personen sich wechselseitig als „Freunde“ oder „Kontakte“ bestätigen. Das so entstehende Geflecht von sozialen Beziehungen wird auf der Profilseite angezeigt und dient dazu, Kommunikation weiter zu strukturieren, indem man beispielsweise bestimmte Informationen mit seinem Kontaktnetzwerk teilen oder Profilseiten von Kontakten aufrufen und Nachrichten hinterlassen kann. Über diese definierenden Grundfunktionen hinaus bieten einzelne Netzwerkplattformen zahlreiche weitere Funktionen. Gerade Facebook hat sich in den vergangenen Jahren immer wieder durch technische Innovationen ausgezeichnet: Bereits 2006 wurde der „News Feed“ eingeführt, der auf der eigenen Profilseite neben den eher statischen Angaben zur Person auch ständig aktualisierte Neuigkeiten und Nachrichten aus dem Kontaktnetzwerk eines Nutzers anzeigt. Ein Jahr später öffnete sich Facebook für externe Anbieter, die über Schnittstellen eigene Programme – z. B. Spiele, Horoskopdienste oder andere Erweiterungen – für Facebook-Nutzer bereitstellen können. Seit 2010 gibt es den „Like“-Button, mit dem Nutzer Inhalte aller Art auf Facebook, aber auch auf kooperierenden externen Webseiten bewerten können und dieses „Votum“ wiederum ihrem eigenen Kontaktnetzwerk mitteilen. Als vorerst letzte grundlegende Innovation wurde Anfang 2012 die bisherige Profilseite auf die „Timeline“ umgestellt, die alle vergangenen Aktivitäten und Informationen eines Nutzers chronologisch darstellt.

Strukturwandel von Öffentlichkeit

Die soeben geschilderten Praktiken des Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagements führen dazu, dass auf Netzwerkplattformen eine neuartige Form von Öffentlichkeit entsteht: Jugendliche (aber nicht nur diese) agieren dort unter Bedingungen von „persönlicher Öffentlichkeit“, die sich in drei wesentlichen Merkmalen von etablierten publizistisch-massenmedialen Öffentlichkeiten unterscheidet:

• Erstens werden Informationen in persönlichen Öffentlichkeiten vorrangig nach dem Kriterium der persönlichen Relevanz ausgewählt und geteilt, nicht nach journalistischen Nachrichtenfaktoren oder gesellschaftlicher Relevanz.

• Zweitens richten sich diese Informationen vor allem an das eigene erweiterte soziale Netzwerk der Kontakte und Freunde, also an ein Publikum, das nicht aus einer unbekannten und verstreuten Masse von Personen besteht.

• Drittens: schließlich dominiert in persönlichen Öffentlichkeiten der Modus der Konversation und des Dialogs gegenüber dem einseitigen „Publizieren“. In den persönlichen Öffentlichkeiten äußert sich zudem besonders deutlich, dass digitale Medien die Trennung zwischen einigen wenigen „Sendern“ und einer Vielzahl von „Empfängern“ auflöst, die für „alte“ Massenmedien konstitutiv war. Auf Netzwerkplattformen ist man beides: Nutzer teilen Informationen, die sie für relevant und mitteilenswert halten, mit ihrem eigenen sozialen Netzwerk, und empfangen gleichzeitig auch die Neuigkeiten und Aktivitäten ihrer eigenen Kontakte.

Während in massenmedialen Öffentlichkeiten Journalisten und Redaktionen als „gatekeeper“ die Flut von Informationen filtern und zu Ausgaben oder Sendungen bündeln, stellt sich in den persönlichen Öffentlichkeiten der Netzwerkplattformen jeder seine eigenen Filter zusammen. Die bestätigten Kontakte genauso wie die Gruppen und Seiten, denen man als „Fan“ beitritt, speisen hier kontinuierlich den „stream“ oder „feed“, also den Strom von Neuigkeiten.

Eindringen kommerzieller Kommunikation

In die persönlichen Öffentlichkeiten fließen allerdings nicht nur Informationen ein, die von anderen Nutzern geteilt werden. Auch professionelle Kommunikation ist Teil dieser neuen Räume – neben journalistischen Medien sind auch Unternehmen und Marken, Politiker, Musiker, Sportler, Schauspieler und andere Prominente in wachsender Zahl auf Facebook vertreten. Für Jugendliche sind gerade solche Angebote attraktiv, die an die Vorlieben und Interessen der alltäglichen Lebenswelt anknüpfen und Anlässe für Konversationen in Fan-Gemeinschaften oder sogar (vermeintlich) mit den Stars selbst liefern. Zugleich verstärkt sich hierdurch aber auch die Durchdringung der Lebenswelt mit kommerzialisierten Inhalten, insbesondere dann, wenn Nutzer selbst in viralen Kampagnen o. Ä. zu Multiplikatoren werblicher Inhalte werden. Kritische Medienkompetenz, die zum Beispiel Werbung von redaktionell erstellten Inhalten unterscheiden hilft und beides ins Verhältnis zu den interpersonalen oder gruppenbezogenen Interaktionen im eigenen erweiterten Netzwerk setzt, ist daher gefragt wie nie.

Privatsphäre und informationelle Selbstbestimmung

Die neuen vernetzten Öffentlichkeiten sind aber noch aus einem anderen Grund sehr folgenreich: Da persönliche und personenbezogene Informationen auf Netzwerkplattformen eine wichtige Rolle spielen, verschwimmt die Grenze zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit. Es gehört gerade für Jugendliche zum Alltag, auf Netzwerkplattformen persönliche Erlebnisse, Gefühle oder Stimmungen mit dem eigenen Kontaktnetzwerk zu teilen, das leicht einige hundert Personen umfassen kann. Weil die bereitgestellten Daten dauerhaft gespeichert, kopierbar und durchsuchbar sind, erfordert es ein besonderes Maß an Reflektion und technischem Wissen, die Reichweite der eigenen Selbstdarstellung oder der Kommunikation mit anderen abzuschätzen. Anders ausgedrückt: Das intendierte Publikum, also die latent vorliegende Vorstellung über den Personenkreis, den man auf Facebook erreichen kann und möchte, muss nicht mit dem tatsächlichen oder auch dem potenziellen Publikum übereinstimmen. Daraus folgt, dass unter den kommunikativen Bedingungen von Netzwerkplattformen die Wahrung von Privatsphäre deutlich schwerer fällt. Dies ist auch und gerade deswegen problematisch, weil – anders als manch populäre Diagnose der „digital natives“ nahelegt – Jugendliche durchaus ein Gespür für und Bedürfnis nach Privatsphäre haben. Der Wunsch nach Kontrolle darüber, wer Zugang zu Informationen über einen selbst bekommen darf, besteht allerdings zunächst meist gegenüber dem eigenen Umfeld: Die Eltern, die Lehrer oder die jüngeren Geschwister sollen keinen Zutritt zu den Räumen haben, in denen man sich als Heranwachsender ausprobiert. Die datenschutzrechtlichen Bedenken gegenüber unspezifischen anderen (dem Staat, werbetreibenden Firmen, dem Personalchef) bilden sich notgedrungen erst im Verlauf des Erwachsenwerdens heraus, wenn man vielfältigere und unspezifische Rollenbeziehungen eingeht.

Medienpädagogische Fragen

Nichtsdestotrotz gehört es zu einer der drängendsten Herausforderungen des gegenwärtigen Medienwandels, Jugendlichen das Wissen und die Fertigkeiten zu vermitteln, auch unter veränderten technischen Bedingungen informationelle Selbstbestimmung ausüben zu können, also so weit wie möglich die Kontrolle darüber behalten zu können, wer welche Informationen über sie für welche Zwecke speichert und bearbeitet. Dies beinhaltet den Umgang mit technischen Optionen (was wiederum auf die Verantwortung verweist, die auch die Plattformbetreiber haben) und das Wissen über die Mechanismen digitaler vernetzter Kommunikation genauso wie die Reflektion über ethische Grundlagen des Miteinander auf Netzwerkplattformen – und darüber hinaus.

Dieser Artikel ist zuerst in der Computer + Unterricht Nr. 88 erschienen.