Die „Digitalen Helden“

Die „Digitalen Helden“
9
Dez

Die voranschreitende Digitalisierung macht auch vor den Schulen nicht halt. Häufig werden Medien allerdings erst dann thematisiert, wenn sich konkrete Probleme wie Onlinemobbing oder exzessive Mediennutzung auf den Unter­richt auswirken. Doch es reicht nicht, immer nur in solchen Notfällen kurzfristig zu intervenieren. Gefragt sind dauerhafte Präventionskonzepte. Diese stellen die Lehrkräfte jedoch meist vor das Problem, dass es fast nicht möglich ist, den ständig wechselnden digitalen Trends der Jugendlichen zu folgen. Deshalb liegt es auf der Hand, die Jugendlichen selbst in die Entwicklung von Konzepten zu integrieren. Dieser Beitrag stellt entsprechende Ansätze vor.

Im Projekt „Digitale Helden“ werden SchülerInnen der 7. und 8. Jahrgangsstufe geschult, um jüngere Mitschü­lerInnen bei ihrem Weg mit den digitalen Medien zu begleiten. Sie lernen in einem Onlinekurs und in Präsenztagen, wie man in Klassenbesuchen und durch Elternarbeit Wissen vermitteln kann. Inhaltlich steht in diesen Kursen der Bereich der Privatsphäre bzw. des Datenschutzes im Vordergrund.

Um kleinere Konflikte in Beratungsgesprächen selbst lösen zu können, werden die „Digitalen Helden“ u. a. zu den Themenbereichen Onlinemobbing und Datenschutz geschult. Später wird das Wissen dann um weitere Themenbereiche ergänzt.

Wie behandeln die „Digitalen ­Helden“ das Thema Privatsphäre?

Ko-Entwicklung von Materialien

Den „Digitalen Helden“ stehen Materialien aus dem projektbegleitenden Onlinekurs zur Verfügung, die sie frei nutzen oder verändern können. In gemeinsamen Workshops werden die Materialien gesichtet und angepasst. Die meisten Ideen, wie man Schülerinnen und Schüler über die Bedeutung der Privatsphäre aufklären kann, sind also ein Mischprodukt aus Grundgedanken der betreuenden Päda­gogen und den Modifizierungen der Jugendlichen.

Einstieg bei einem Klassenbesuch: Was ist privat?

Beim Besuch in einer neuen Klasse wird zum Einstieg in der Regel geklärt, was Privatsphäre überhaupt ist. Bei der Frage, was „privat“ für den einzelnen bedeutet, werden unterschiedliche Sichtweisen deutlich. Die einen halten ihr Zimmer für privat, andere auch ihren Namen und ihre Adresse. Meist werden bestimmte Räume im Haus und persönliche Daten als „privat“ bezeichnet.

Dabei wird schnell klar, dass die Bandbreite der als privat empfundenen Daten recht breit gefächert ist und hier keine eindeutige Definition gefunden werden kann. Deshalb wird erklärt, dass es hier durchaus Unterschiede in den persönlichen Empfindungen gibt und man allgemein Daten und Räume als privat ansieht, bei denen man selbst entscheiden möchte, wer Zugang zu ihnen hat.

Besonders betont wird zudem, dass es neben den individuellen Unterschieden auch kulturelle Unterschiede gibt. Vor allem in den USA werden viele Daten (Bewegungsdaten, biometrische Daten etc.) nicht als grundsätzlich privat angesehen, die bei uns selbstverständlich als schützenswertes Gut gelten.1 Deshalb wird auch darauf eingegangen, dass die meisten Dienste, die Jugend­liche nutzen, aus den USA stammen und sich häufig nicht an deutschen Datenschutzbestimmungen orientieren.

In einigen Klassen wird an dieser Stelle noch der Unterschied zwischen sozialer Privatsphäre und institutioneller Privatsphäre erklärt. Hierbei geht es ­einerseits um Daten, die man mit seinem sozialen Umfeld teilt, und andererseits um Daten, die man mit Behörden oder Firmen teilt. Ersteres liegt größtenteils in der eigenen Hand: Durch Privatsphäreneinstellungen in Onlinediensten kann der Zugriff von Personen auf Daten eingeschränkt werden. Die institutio­nelle Privatsphäre dagegen ist schwer bis gar nicht kontrollierbar. Wird etwas beispielsweise bei Instagram gepostet, hat Instagram Zugriff auf die Bilder – vor der Firma können keine Daten versteckt werden. Mit den AGBs stimmt man darüber hinaus einer möglichen Nutzung zu unterschied­lichen Zwecken zu. Deshalb werden in den Unterrichtseinheiten teilweise auch AGBs unter die Lupe genommen.

Beispiel Bilder: Was soll und was muss privat bleiben?

Ein Großteil der Aufklärungsarbeit findet am Beispiel der sozialen Privatsphäre statt, da diese greifbarer ist und da­rüber hinaus besser kontrolliert werden kann. Insbesondere kann hier gut mit dem Beispiel von Bildern, die im Netz stehen, gearbeitet werden. Die Jugendlichen haben (fast) alle schon selbst Bilder ins Internet gestellt und dort Bilder von anderen betrachtet. Einen Missbrauch – im Sinne der unerlaubten Verbreitung von Bildern – kennen die meisten auch.

Bei den Klassenbesuchen wird deshalb das Thema „Bilder im Netz“ ausführlich behandelt. Zunächst einmal wird die Frage geklärt, ob man Fotos von anderen Personen einfach so machen und ins Internet stellen darf. Anschließend wird die Klasse gefragt, ob es jemandem schon mal passiert ist, dass Fotos unerlaubterweise verbreitet wurden. Besonderes Augenmerk liegt hierbei auf den Gefühlen, die man hat, wenn so etwas passiert – selbst bei normalen Fotos äußern einige Betroffene, dass sie sich bloßgestellt bis hin zu verraten gefühlt haben.

Von diesen Äußerungen ausgehend, wird dann die aktuelle Rechtslage geklärt. Denn das unerlaubte Verbreiten von Fotos ist nicht nur unangenehm für den Betroffenen, sondern kann auch rechtliche Konsequenzen für die Verbreiter haben.

Zum Schluss wird den Jugendlichen ­eine Methode gezeigt, anderen mitzuteilen, wie man selbst zum Thema „Fotos im Netz“ steht (s. Abb. 1):

  • Mithilfe der „Fotoampel“ kann zunächst erörtert und dann anderen gezeigt werden, wie man selbst zur Weiterverbreitung eigener Bilder steht, indem man die entsprechende Ampel (s. Abb. 1) als Profilbild einstellt. In einigen Klassen wird dies dann direkt in den Sozialen Netzwerken getestet.

Ideen: Wie können Jugendliche für Datenschutz sensibilisiert werden?

Neben der Fotoampel sind noch zwei weitere Aufklärungsstrategien zum Thema Privatsphäre unter den „Digitalen Helden“ verbreitet:

  • Die erste Methode spricht das allgemeine Gefühl von Privatsphäre an. Jeder kennt den Satz „Ich hab ja nichts zu verbergen“, wenn es um das Thema Datenschutz geht. Doch hat man immer etwas zu verbergen, wenn man nicht möchte, dass jeder alles über einen weiß? Dass dies so ist, kann recht einfach gezeigt werden: Ein „Digitaler Held“ fragt einen Fünftklässler, ob er einmal in seine Schultasche schauen darf. Nach der ersten irritierten Reaktion kommt meist ein entschiedenes: „Nein, natürlich nicht!“ Daraufhin kann man fragen, warum man denn nicht in die Schultasche schauen dürfe. Hat derjenige etwas zu verbergen? Vielleicht Waffen oder Drogen? „Nein, natürlich nicht!“ – man hat ein gesundes Gefühl für die eigene Privatsphäre und die damit verbundenen Grenzen. An dieses kurze Szenario anknüpfend, wird das Thema dann weiter behandelt.
  • Einige „Digitale Helden“ bieten auch statt einfachen Klassenbesuchen „Social-Media-Strategie-Workshops“ an. Dahinter verbirgt sich zwar ein Klassenbesuch, doch die Themen werden unter der Fragestellung behandelt, wie jeder am besten Soziale Online-Medien nutzen kann, um den größtmöglichen Nutzen für sich daraus zu ziehen. Dazu gehört es auch zu analysieren, welche Arten von Missbrauch man vermeiden möchte. Mithilfe dieser Rahmung eines Unterrichtsbesuchs lassen sich Inhalte rund um Internetsicherheit ohne erhobenen Zeigefinger vermitteln.

 

Wirkung des Projekts auf die ­„Digitalen Helden“

Interessant bei Projekten wie den „Digitalen Helden“ (ähnliche Projekte s. Kasten) ist neben der Wirkung auf jüngere Schülerinnen und Schüler auch die Wirkung auf die „Digitalen Helden“ selbst. Ändert sich durch die Beschäftigung mit diesen Themenbereichen und durch die eigene Aufklärungsarbeit die Einstellung der „Digitalen Helden“ zum Themenbereich der Privatsphäre? Um dieser Frage nachzugehen, wurde das Thema Privatsphäre mit 22 „Digitalen Helden“ diskutiert.2

Privatsphäre aus Sicht der „Digitalen Helden“

Welche Inhalte halten die „Digitalen Helden“ selbst für privat? Das Gespräch drehte sich sehr schnell um drei für die Jugendlichen relevanten Punkte, nämlich

  • Informationen, die ihre Eltern von ihnen sehen,
  • Informationen, die zukünftige Arbeitgeber sehen könnten, und
  • die nötigen Infos zur „Imagepflege“ im Netz.

Bei den Eltern waren sich die Jugendlichen einig, dass bestimmte Inhalte vor diesen versteckt werden sollten. Insbesondere Bilder und Informationen über die Beziehungen zu Freunden sollten möglichst nicht zugänglich sein. Beim Thema Aufenthaltsort schieden sich die Geister: Eine Hälfte meinte, es wäre egal, wenn die Eltern über „Check ins“ an bestimmten Orten Bescheid wüssten, da sie „eh wissen, wo ich gerade bin“. Andere hingegen fanden, dass auch diese Information nicht für die Eltern zugänglich sein sollte. Einig waren sich alle darüber, dass Eltern selbst eigent­lich nichts über sich im Netz stehen haben sollten. Einige „Digitale Helden“ waren geradezu schockiert darüber, dass sie etwas gefunden hatten, als sie ihre Eltern gegoogelt hatten. Insgesamt schienen die Jugendlichen Informationen über ihre Eltern als eine größere Gefahr für ihre Privatsphäre anzusehen als ihre eige­nen Daten im Netz.

Für die Jugendlichen selbst wichtig sind Daten, die zukünftige Arbeitgeber falsch verstehen könnten. Insgesamt waren sie zwar der Ansicht, dass dies noch sehr weit weg sei, aber dennoch denken sie beim Posten von Beiträgen auch daran, ob ihnen dadurch später ein Nachteil entstehen könnte. Als besonders schwierig wurde allerdings empfunden herauszufinden, was denn nun negativ und was positiv aufgefasst werden könnte, u. a. weil dies sehr vom zukünftigen Berufsfeld abhängt. Als Strategie zum Schutz der eigenen Daten nannten sie deshalb, sich einfach mit einem falschen Nachnamen anzumelden, da man dann schwerer gefunden werden könne.

Als wichtigster datenrelevanter Bereich wird die Online-Imagepflege gegenüber Freunden empfunden. Die Jugendlichen sind sich durchaus bewusst, dass gerade diese Imagepflege konträr zur Imagepflege für zukünftige Arbeitgeber sein kann. Die „Digitalen Helden“ achten hier beim Posten vor allem darauf, Bilder, auf denen auch Freunde abgebildet sind, nur dann zu posten, wenn sie positiv bzw. „hübsch“ sind. Hässliche oder aus Jux entstandene Bilder werden nicht bei Instagram gepostet, sondern über Snapchat verbreitet. Die Jugendlichen entscheiden bewusst, ob die Bilder dauerhaft verfügbar oder nur schnell zur allgemeinen Erheiterung zur Verfügung gestellt werden sollen. Diese Art der Differenzierung empfinden sie selbst als große Leistung und glauben nicht, dass jüngere SchülerInnen dazu in der Lage sind. Deshalb sehen die „Digitalen Helden“ es als ­eine ihrer Aufgaben, diese Fähigkeit den Jüngeren mit auf den Weg zu geben.

Eigene Verhaltensänderungen

Fragt man die „Digitalen Helden“ danach, was sie selbst im Laufe des Projektes an ihrem Verhalten verändert haben, werden vor allem zwei Punkte genannt:

  • das Säubern der Facebook-Freundesliste und
  • das Ändern der Einstellungen bei WhatsApp.

Außerdem haben viele die gelernten Einstellmöglichkeiten auch ihrer Familie und ihren Verwandten gezeigt.

Es gab auch einige, die ihr Facebook-Profil ganz gelöscht hatten. Als Begründung hierfür gaben sie an, dass sie es „eh nicht mehr wirklich nutzen“ und dass sie die Nutzung ihrer Daten von Facebook für zu weitreichend halten.

Anmerkungen:

Das Gespräch fand im Rahmen einer sog. Barcamp-Session beim gemeinsamen Jahresabschluss von über 100 „Digitalen Helden“ statt. Die anwesenden SchülerInnen stammten aus unterschiedlichen Schulen und Schulformen. Die Aussagen in der Session geben nur erste Hinweise auf die Sicht der beteiligten Jugendlichen auf das Thema „Privatsphäre im Netz“ und haben keinen repräsentativen Charakter.

Links:

www.digitale-helden.de Informationen zum Projekt „Digitale Helden“

www.foto-ampel.de Informationen zur „Foto-Ampel“

 

Über Angelika Beranek
Angelika Beranekist Professorin an der Hochschule München und war über zehn Jahre in der medienpädagogischen Praxis mit Jugendlichen tätig.

info@angelika-beranek.de

www.angelika-beranek.de

Twitter: a_beranek

Weitere Peer-Konzepte zur Medienbildung:

juuuport

Die Selbstschutz-Plattform „juuuport“ wird von Jugendlichen für Jugendliche im Web angeboten. Hier helfen sich Jugendliche gegenseitig, wenn sie Probleme im und mit dem Web haben. Mittlerweile existiert das Projekt seit fünf Jahren, und ein Zwischenfazit der Scouts verdeutlicht die Bedeutung der Plattform: „Es macht für Jugendliche einen großen Unterschied, ob Angebote im Web von Erwachsenen oder von anderen Jugendlichen ­kommen.“

Der gemeinnützige Verein „juuuport e. V.“ wird von sieben Landesmedienanstalten getragen: der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (Initiatorin), der Bremischen Landesmedienanstalt, der Landesanstalt für Kommunikation Baden-Württemberg, der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen, der Landeszentrale für Medien und Kommunikation Rheinland-Pfalz, der Medienanstalt Mecklenburg-Vorpommern und der Medienanstalt Sachsen-Anhalt.

www.juuuport.de

LMZ

Das Landesmedienzentrum (LMZ) Baden-Württemberg bildet Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren zu Experten in Sachen Medienproduktion, Medienschutz und Medienanalyse aus. Im Rahmen der Fortbildungen lernen sie, wie sie eigenverantwortlich eine Arbeitsgruppe oder ein Projekt leiten und ihr Wissen an Gleichaltrige und Jüngere weitergeben können.

http://www.lmz-bw.de/landesmedienzentrum/programme/schueler-medienmentoren-programm-smep.html

Medienscouts

Ähnlich zu den „Digitalen Helden“ werden in mehreren Bundesländern sog. „Medienscouts“ ausgebildet. Dabei werden Jugendliche in verschiedenen Bereichen und zu verschiedenen Themen, wie etwa Computerspiele, Datenschutz oder Cybermobbing, von Experten geschult und erhalten auf dieser Grundlage Weiterbildungen, um auf dem aktuellsten Stand zu sein. Dieses Wissen geben sie dann an jüngere und neue Mitschüler in Form von Workshops weiter.

Das System funktioniert z. B. in Rheinland-Pfalz seit 2008 und wird ständig weiterentwickelt. Dabei werden Partner, wie z. B. die Landeszentrale für Medien und Kommunikation (Initiative „klicksafe“, jugendschutz.net, MedienKompetenzNetzwerke, medien+bildung.com), der Landesbeauftragte für den Datenschutz und die Verbraucherzentralen eingebunden.

medienscouts.rlp.de

www.medienscouts-mv.de

www.medienscouts-nrw.de

li.hamburg.de/schwerpunkte-medien/3843704/artikel-medienscouts

medienscout.info

peer3

Im Rahmen dieses wissenschaftlich begleiteten Projektes sollen neue Konzepte für die Jugendarbeit im Netz entwickelt werden, die Jugendlichen in konkreten Projekten Beteiligungsoptionen über und mit Medien aufzeigen.

„peer“3 ist ein Projekt des JFF – Institut für Medienpädagogik in Zusammenarbeit mit „Dialog Internet“ und wird gefördert vom Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend. Projektpartner sind medien+bildung.com, „mediale pfade“ sowie das Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal e. V.

www.peerhochdrei.de

Jasmin Bastian

Dieser Artikel ist zuerst in der Computer + Unterricht Nr. 100 erschienen.