Der Deutsche Kinder- und Jugend(hilfe)MONITOR 2025, veröffentlicht von der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe (AGJ), bietet eine umfassende Analyse der Lebenssituation von rund 22 Millionen jungen Menschen unter 27 Jahren. Er bündelt aktuelle Daten zu Themen wie Demokratie, Generationengerechtigkeit, Vielfalt, Armut und Jugend in Deutschland.
Der Bericht ist auch für Lehrkräfte aufschlussreich, da er zeigt, wie Jugendliche ihre Gegenwart wahrnehmen, welche Sorgen sie bewegen und welche Chancen und Herausforderungen sie für ihre Zukunft sehen. Wir haben die wichtigsten Ergebnisse und Schlüsse zusammengefasst.
Demokratie: Zustimmung, aber sinkendes Vertrauen
Die Daten machen deutlich, dass junge Menschen Demokratie grundsätzlich positiv bewerten: 71 Prozent halten sie für die beste Staatsform. Gleichzeitig vertraut weniger als die Hälfte (45 Prozent) darauf, dass sie in der Praxis auch gut funktioniert. Nur 27 Prozent schenken der Bundesregierung Vertrauen, bei der Europäischen Union liegt der Wert bei 34 Prozent. Vor allem Jugendliche mit niedrigem Bildungsniveau zeigen ein hohes Maß an Misstrauen.
Politisches Interesse ist dennoch stark ausgeprägt. Jeder zweite Jugendliche bezeichnet sich als politisch interessiert. Auffällig ist eine wachsende Polarisierung: Weniger Jugendliche ordnen sich in der politischen Mitte ein, mehr zählen sich zu linken oder rechten Strömungen. Bei der Bundestagswahl 2025 wählten 65 Prozent demokratische Parteien; zugleich stimmten 27 Prozent der jungen Männer und 15 Prozent der jungen Frauen für die AfD.
Viele Jugendliche engagieren sich – von Online-Petitionen über Boykottaktionen bis hin zu Jugendverbänden. Die Beteiligung liegt über dem europäischen Durchschnitt. Dennoch bestehen Barrieren: Wer aus einkommensschwachen Familien kommt oder eine Behinderung hat, hat oft schlechtere Chancen, sich einzubringen.
Digitale Welt: Chancen und Risiken
Die digitale Transformation bietet Jugendlichen neue Möglichkeiten der Beteiligung. Soziale Medien erleichtern politische Meinungsäußerung und Teilhabe. Gleichzeitig verschärfen sich Ungleichheiten, da nicht alle denselben Zugang zu digitalen Geräten und stabilen Internetverbindungen haben. Besonders Jugendliche in stationären Einrichtungen sind häufig ausgeschlossen.
Ein großes Problem ist digitale Gewalt: Mehr als die Hälfte der 16- bis 27-Jährigen stößt wöchentlich auf beleidigende Kommentare. Rund ein Drittel hat in den letzten zwölf Monaten selbst Hass oder Abwertung erfahren, etwa aufgrund politischer Ansichten, Aussehen oder Geschlecht. Viele ziehen sich deshalb zurück: Über die Hälfte gibt an, im Netz vorsichtiger zu sein oder seltener ihre Meinung zu äußern.
Die Jugendlichen selbst wünschen sich mehr Unterstützung beim Erkennen von Fake News (51 Prozent) und beim Umgang mit Hassrede (44 Prozent). Doch nur ein Fünftel fühlt sich durch die Schule darauf vorbereitet. Lehrkräfte stehen daher vor der Herausforderung, Medienkompetenz systematisch zu vermitteln, sowohl technisch als auch kritisch und werteorientiert.
Generationengerechtigkeit: Belastungen und Erwartungen
Die gesellschaftliche Diskussion um Generationengerechtigkeit prägt die Wahrnehmung junger Menschen. Sie stehen vor einer Vielzahl von Krisen: Klimawandel, wirtschaftliche Unsicherheit, soziale Spaltung und internationale Konflikte. Trotz dieser Herausforderungen zeigen viele Jugendlichen einen gewissen Optimismus: Über 70 Prozent glauben, dass die Gesellschaft gemeinsam eine lebenswerte Zukunft gestalten kann. Dennoch blickt nur knapp die Hälfte optimistisch auf die eigene Zukunft.
Besonders groß ist die Sorge vor einem Krieg in Europa (81 Prozent) und vor wachsender Armut (67 Prozent). Auch die Angst vor gesellschaftlicher Feindseligkeit (64 Prozent) und Ausländerfeindlichkeit (58 Prozent) ist stark verbreitet – deutlich mehr als die Furcht vor Zuwanderung (34 Prozent).
Junge Menschen wünschen sich daher mehr Investitionen in Bildung, Klimaschutz und soziale Infrastruktur. Einsparungen im sozialen Bereich empfinden sie als Belastung. Expertisen zeigen, dass gezielte Ausgaben für benachteiligte Jugendliche langfristig nicht nur soziale, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bringen.
Vielfalt als Realität
Jugendliche in Deutschland wachsen in einer vielfältigen Gesellschaft auf. Knapp die Hälfte der unter 18-Jährigen hat eine Migrationsgeschichte. Für viele junge Menschen ist kulturelle Diversität Alltag. Doch sie erleben auch Diskriminierung und Ausgrenzung.
Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt halten viele Jugendliche für selbstverständlich. Rund elf Prozent der 14- bis 29-Jährigen identifizieren sich als queer. Gleichzeitig nimmt queerfeindliche Gewalt zu: Fast ein Fünftel aller Hasskriminalitätsfälle richtete sich 2023 gegen LSBTIQ*-Personen. Jugendliche fordern deshalb diskriminierungsfreie Räume, in denen Identitätsfindung ohne Angst möglich ist.
Auch Inklusion bleibt eine Herausforderung. Rund 3,6 Prozent der unter 25-Jährigen leben mit einer anerkannten Behinderung. Viele von ihnen werden noch in separaten Einrichtungen beschult oder verbringen ihre Freizeit in getrennten Strukturen.
Bildung, Armut und Teilhabe
Die Bildungschancen junger Menschen sind eng an die soziale Herkunft geknüpft. Kinder aus einkommensschwachen Familien haben schlechtere Perspektiven auf gute Abschlüsse und beruflichen Erfolg. 20,7 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland wachsen in Armut auf. Damit lebt etwa jedes fünfte Kind in einem prekären Umfeld.
Armut wirkt sich direkt auf Teilhabechancen aus: Einschränkungen in Freizeit, digitaler Ausstattung oder Wohnsituation prägen die Lebenswelten. Das Risiko, ausgeschlossen zu werden, steigt. Der Monitor verweist darauf, dass Armut nicht nur individuelle Biografien belastet, sondern auch gesamtgesellschaftliche Kosten erzeugt.
Programme wie die geplante Kindergrundsicherung oder das Startchancen-Programm für Schulen sollen gegensteuern. Modellrechnungen zeigen, dass Investitionen in benachteiligte Kinder langfristig höhere Steuereinnahmen und geringere Sozialausgaben ermöglichen.
Jugend in Ostdeutschland
Ein spezieller Fokus des Monitors liegt auf Ostdeutschland. Jugendliche dort erleben den gesellschaftlichen Wandel besonders intensiv. Einerseits eröffnen Strukturwandel und Transformation Chancen; andererseits verstärken sie Unsicherheiten. Wahlergebnisse mit hohen Stimmenanteilen für rechtspopulistische Parteien verdeutlichen, dass viele junge Menschen sich politisch unzureichend vertreten fühlen.
Die Förderung demokratischer Bildung, der Ausbau von Jugendangeboten und die gezielte Unterstützung von Teilhabe in ländlichen Regionen werden als zentrale Aufgaben genannt. Lehrkräfte in Ostdeutschland stehen hier vor besonderen Herausforderungen, da viele Jugendliche zwischen Chancen und Bedrohungsgefühlen hin- und hergerissen sind.
