Deepfakes und digitale Gewalt: Warum wir Jugendliche mit manipulierten Bildern nicht allein lassen dürfen

Deepfakes und digitale Gewalt: Warum wir Jugendliche mit manipulierten Bildern nicht allein lassen dürfen
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Apr.

Die aktuellen Debatten um manipulierte Medien im Fall Collien Fernandes, der Vorfall im Klassenchat von Hatten und die Selbstverständlichkeit von TikTok-Filtern zeigen deutlich: Digitale Räume werden zunehmend von Technologien geprägt, die die Grenze zwischen Authentizität und Konstruktion, zwischen Respekt und Hass verschwimmen lassen. Gerade weil vieles in einer Grauzone liegt und zunächst in den Familien verhandelt werden sollte, spüren Schulen die Folgen fehlender Medienkompetenz umso deutlicher, sei es in beleidigenden geteilten Inhalten oder der atmosphärischen Belastung durch ständige Selbstdarstellung und Vergleich. Was also können Lehrkräfte tun, um ihre Schüler:innen zu sensibilisieren? 

Ein Beitrag von Silke Panten 

Digitale Gewalt ist die Lebensrealität der heutigen Schüler:innen 

Für viele Schüler:innen ist digitale Gewalt längst kein abstraktes Problem mehr, sondern massiv spürbare Lebensrealität. Der Leidensdruck in den Klassenzimmern ist zu groß, um das Thema auszusitzen: Laut JIM-Studie 2025 begegnen 64 Prozent der 12- bis 19-jährigen Jugendlichen jeden Monat beleidigenden Kommentaren im Netz, fast ein Drittel (29 Prozent) hat bereits Erfahrungen mit sexueller Belästigung in Verbindung mit digitalem Hass gemacht. Gleichzeitig zeigt eine Längsschnittstudie der DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) einen alarmierenden Teufelskreis: Eine problematische Social-Media-Nutzung geht bei Kindern und Jugendlichen messbar mit mehr depressiven Symptomen, Ängsten und einem höheren Stresslevel einher. Wenn nun noch aus harmlosen Bildern per Klick entwürdigende Deepfakes generiert werden können, potenziert sich diese digitale Gewalt auf ein neues Level. Frühzeitiges Handeln ist deshalb unerlässlich, bevor sich bei den Betroffenen Ohnmacht und bei den Täter:innen eine gefährliche Abstumpfung verfestigen.  

Medienkompetenz muss in der Schule gelehrt werden 

Ausgerechnet in dieser hochdynamischen Phase hat das Land Hessen kürzlich entschieden, den flächendeckenden Digitalunterricht wieder zu beenden und das geplante Schulfach „Digitale Welt“ lediglich als freiwillige AG fortzuführen. Das ist ein fatales Signal. Ein eigenes Schulfach wäre ein hervorragender Weg gewesen, Medienkompetenz frühzeitig und strukturiert zu vermitteln, ohne diese Mammutaufgabe als zusätzliche Pflicht auf die Schultern von einigen wenigen engagierten Lehrkräften abzuladen. Da der große systemische Wurf nun ausbleibt, bleibt die Realität vorerst eine andere: Medienbildung muss als Querschnittsaufgabe in den bestehenden Fächern passieren. Die gute Nachricht: Das geht auch im kleinen Rahmen, ohne dass dafür der Lehrplan umgekrempelt werden muss. Hier ein paar Impulse für Unterrichtsinhalte. 

Politik und Sozialkunde: Desinformation als Gefahr für die Demokratie 

Wenn Gesichter und Stimmen von Politiker:innen täuschend echt imitiert werden können, steht das Vertrauen in demokratische Prozesse auf dem Spiel. Im Politikunterricht können konkrete Beispiele von Wahlmanipulation durch Deepfakes analysiert werden. Wer profitiert von solchen Fälschungen? Wie schützen wir uns als Gesellschaft davor? 

Materialtipp: Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) hat passend dazu die Unterrichtseinheit „Deepfakes und Wahlen“ veröffentlicht (ab Klasse 8). Sie vermittelt konkret, wie gefälschte Inhalte Wahlen beeinflussen können. 

Hier geht es zu den Unterrichtsmaterialien der bpb 

Im Sozialkundeunterricht lässt sich aufdröseln, wie Videos gefälscht werden und wie manipulierte Bilder die öffentliche Meinung steuern. 

Materialtipp: Die Initiative „so geht MEDIEN“ von ARD, ZDF und Deutschlandradio bietet eine kompakte Unterrichtseinheit zum Thema „Deepfakes – Wie Videos gefälscht werden“ an, inklusive Erklärvideos und Stundenablauf für die Klassen 6 bis 11. 

Hier geht es zu den Unterrichtsmaterialien von so geht MEDIEN 

Ethik und Religion: Die moralische Dimension digitaler Gewalt 

Fälle wie der in Hatten oder die Erfahrungen von Collien Fernandes gehören in den Ethik- oder Religionsunterricht. Hier ist der geschützte Raum, um über digitale Empathie, Persönlichkeitsrechte und die Würde des Menschen im Netz zu sprechen. Was macht es mit einer Person, wenn ihr Körper digital missbraucht wird? Warum ist das Teilen solcher Inhalte kein Kavaliersdelikt, sondern psychische Gewalt? 

Materialtipp: klicksafe bietet Material unter dem Titel „Deepfakes – Deep Impact“, das explizit die Risiken, die Macht der Bilder und die ethischen Folgen thematisiert. Empfohlen wird es für die Klassen 4 bis 9. 

Hier geht es zu den Unterrichtsmaterialien von klicksafe (via Medienkompetenzrahmen NRW) 

Informatik und MINT: Wie die Algorithmen eigentlich funktionieren 

Um die Angst vor der „Blackbox KI“ zu nehmen, müssen Jugendliche zumindest in Grundzügen verstehen, wie Machine Learning funktioniert. Im Informatik- oder Matheunterricht kann beleuchtet werden, wie Algorithmen mit unseren Daten trainiert werden und warum sie bestimmte Inhalte in unseren Social-Media-Feeds priorisieren. 

Materialtipp: Die gemeinnützige Plattform AppCamps bietet sofort einsetzbare Unterrichtsmaterialien für die Klassen 5 bis 10 an. Die Einheiten erklären anschaulich Machine Learning, Text- sowie Bild-KI und lassen die Schüler:innen selbst experimentieren. 

Hier geht es zu den Unterrichtsmaterialien von AppCamps 

Fazit: Den Kompass neu ausrichten 

Wir können nicht darauf warten, dass die Bildungspolitik flächendeckende Schulfächer einführt oder perfekte Rahmenlehrpläne für die digitale Welt schreibt. Die Lebensrealität unserer Schüler:innen wartet nicht. Dabei geht es gar nicht darum, dass Lehrkräfte jeden neuen KI-Trend, jeden Filter oder jeden Algorithmus im Detail beherrschen müssen. Es geht vielmehr um Haltung und Beziehungsarbeit. Lehrkräfte dürfen die Erwachsenen sein, die genau hinsehen, kritische Fragen stellen und einen geschützten Raum bieten, um mediale Überforderung zu entzerren. Jeder kleine Schritt – ob Textanalyse im Deutschunterricht, Bildkritik in Kunst oder die Debatte über Fake-Videos in Sozialkunde – ist ein wertvoller Beitrag. Er hilft jungen Menschen dabei, sich nicht ohnmächtig im digitalen Rauschen zu verlieren, sondern mit einem kritischen Kompass selbstbestimmt und sicher darin zu navigieren.